3 Antworten

Nein

Wo Neubauer politisch steht, maße ich mir nicht an, zu beurteilen.

Auch, wenn er – was seine verlinkte Homepage nahelegt – Einfache Sprache als Geschäftsmodell zu betreiben scheint, so fällt doch auf, dass er bei Wikipedia nicht zitiert wird:

https://de.wikipedia.org/wiki/Einfache_Sprache

Auch bei der bpb finden sich – soweit ersichtlich – keine Verweise auf sein Werk:

https://www.bpb.de/lernen/inklusiv-politisch-bilden/216350/einfache-sprache-leichte-sprache/

Weit schwerer wiegen aber die inhaltlichen Schwächen seiner Darstellung:

  1. Neubauer verkennt, dass es mehr als zwei Sexūs gibt: schon in der griechischen Antike war bekannt, dass es Menschen gibt, die anhand ihrer Geschlechtsorgane eindeutig weder dem männlichen noch dem weiblichen Sexus zugeordnet werden konnten. Die entsprechenden mythologischen Figuren Hermaphroditos und (Ἑρμαφρόδιτος) und Androgynos (ἀνδρόγυνος) haben den noch heute verwendeten Fachbegriffen für biologische und soziale Zwittrigkeit ihre Namen gegeben: Hermaphroditismus und Androgynie. Im Alltag gebräuchlicher dürfte aber Intergeschlechtlichkeit sein. Was mögliche Genotypen angeht, so sei nur auf das Klinefelter-Syndrom, XX-Männer und XY-Frauen hingewiesen.
  2. Neubauer verkennt, dass Identitäten, die der an den Sexus (soweit dieser bei Geburt eindeutig bestimmt werden konnte) geknüpfte gesellschaftliche Rolle nicht entsprechen, nicht erst eine Erfindung der Postmoderne sind. Vielmehr scheint die Menschheit seit Anbeginn zu begleiten, deren Erleben/ Empfinden inkongruent zum Sexus ist – Geschlechterrollenwechsel werden seit der Antike überliefert. Erst dadurch, dass die 68er begannen, die tradierten Strukturen und Rollenbilder aufzubrechen, wurde es überhaupt erst möglich, eigenes – von der Tradition abweichendes – Erleben aus- und anzusprechen. Und das gab den Betroffenen erstmals die Möglichkeit, die Berücksichtigung der Belange von Minderheiten im öffentlichen Diskurs einzufordern (von Neubauer als »Kulturkampf« dargestellt).
  3. Neubauer verkennt weiter, dass es nicht verschiedene wissenschaftlice Disziplinen sind, die einen »Kulturkampf« austragen. Kultur ist – ebenso wie der Kampf darum – ein politischer Begriff. Es ist darauf hinzuweisen, dass denklogisch ausgeschlossen scheint, dass ein Kulturkampf nicht von reaktionären Kräften angestrengt würde, deren natürliche Reaktion auf gesellschaftliche Neuerungen und Umbrüche deren Bekämpfung ist.
  4. Neubauer verkennt auch, dass Sprache kein unveränderliches Korpus an Formen menschlicher Kommunikation ist, sondern die organische (also veränderliche) Interaktion verschiedener Menschen, deren Formen und Regeln die Wirklichkeit beeinflussen, aber auch von der Wirklichkeit beeinflusst werden. Dabei verkennt Neubauer – für einen Sprachwissenschaftler beachtlich – in reaktionär-politisierender Weise , dass der Diskurs verschiedener – wesensfremder – Disziplinen natürlich nur über den Gebrauch von Sprache ausgetragen werden kann.
  5. Neubauer verkennt schließlich, die Bedeutung von Gender, da „Als Gender […], soziales Geschlecht oder Geschlechtlichkeit […] Geschlechtsaspekte zusammengefasst [werden], die eine Person in Gesellschaft und Kultur in Abgrenzung zu ihrem rein biologischen Geschlecht (englisch sex) beschreiben.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Gender). Gender ist gerade keine „neue Bewegung, die die Existenz von biologischen Geschlechtern ausblendet […]“. Erstens ist Gender keine »Bewegung«, sondern eine Beschreibung – das Framing als »Bewegung« offenbart eine reaktionäre politische Agenda. Zweitens blendet Gender das biologische Geschlecht nicht aus, sondern setzt sich mit den daran geknüpften gesellschaftlichen Rollenerwartungen auseinander – auch dieses Framing offenbart eine reaktionäre politische Agenda. Drittens ist Gender nicht neu – schon 1949 schrieb Simone de Beauvoir: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt.

Insgesamt also ist das Schaubild also einerseits unvollständig, andererseits mit einer – beim Autoren offenbar vorhandenen – reaktionären politischen Agenda durchzogen, so dass nur der das Fachgebiet des Autoren betreffende Teil (Genus) korrekt dargestellt ist; der Rest ist unvollständig bzw. falsch.

Was einige der Nutzer hier bei der Frage danach, wie viele Genera es gibt, verkennen, ist, dass es mehr Genera gibt als die im Deutschen bekannten drei (ja, auch das Neutrum ist ein Genus: die die Wortbeugung bestimmende grammatische Kategorie). So gibt es Sprachen, die zusätzlich zwischen belebten und unbelebten Dingen unterscheiden und Sprachen, die das wirkliche Gegenteil des Neutrum (ne-utrum, keines von beiden) verwenden: das Maskulina und Feminina zusammenfassende Utrum (eines von beiden). Dazu gehören u.a. das Dänische und Varietäten des Norwegischen und Niederdeutschen.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass man für das Selbststudium Einfacher Sprache nicht den Autoren des Schaubildes benötigt, verschiedene öffentliche Stellen haben bereits Handreichungen veröffentlicht:

Die bekanntesten und reichweitenstärksten Verwender Einfacher Sprache sitzen übrigens bei der Bild-Zeitung – deren Prinzip ist ja gerade, einfach verstanden zu werden …

Woher ich das weiß:Recherche

Hallo Algewater,

ich denke, man kann zwar so sagen, doch bin ich noch anderer Auffassung.

So ist der Begriff "Sexus" im dem Kontext selten zu hören. Vielleicht ist der Begriff "biologisch genetisches Geschlecht" treffender. Es geht um den XX- oder XY-Genotypen mit entsprechender auch miteinander fortpflanzungsfähiger Phänotypologie (wobei es letztlich X-X oder X-Y sind, die sich genetisch miteinander fortpflanzen).

Das Genus beschreibt er in meinen Augen sehr gut. Die Historie der Genera kann in irgendwelchen Symboliken stecken, die mit dem biologisch genetischen Geschlecht assoziiert sind.

Häufiger als das "soziale Geschlecht" scheint mir der Begriff der "geschlechtlichen Identifikation" gebräuchlicher und auch genauer zu sein. Es ist eher eine eigene Wahrnehmung die parallel zum biologisch genetischen Geschlecht besteht, die dem entweder enspricht oder anders - z.B. das andere biologisch genetische Geschlecht - ist. Die geschlechtliche Identifikation sehe ich nicht als eine Bewegung sondern als eine menschliche Eigenschaft. Die Bewegung entsteht eher, wo auf diese Identifikation als Eigenschaft hingewiesen wird. Zur geschlechtlichen Identifkation gehört, dass Menschen diese z.B. in Mode und Verhaltensweisen, die an biologisch genetische Geschlechter "klassisch" angelehnt sind, ausdrücken.

Wo ein genetisch biologisches Geschlecht mit An- oder Abwesenheit von Y-Chromosomen eindeutig angegeben werden kann, können Menschen mehrere Identifikationen in sich vereinen.

Im Gendern sehe ich eine Sematik wie auch manche Syntax, die versucht, mit Mitteln der Sprache, die Genera kennt, eine Klammer um alle Identifikationen zu legen, damit diese in wenigen Worten genannt sind. Dabei können die Genera verwendet und miteinander syntaktisch vermischt werden (z.B. Berater*in).

Mit vielen lieben Grüßen
EarthCitizen

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung – langjährige Lebenserfahrung und persönliche Anschauung

PaulanerPete  15.03.2025, 17:06

man muss die votes bei solchen fragen echt invertiert sehen lmao, bei so einer antwort KOMMENTARLOS downvoten ist so feige und lächerlich oder??

EarthCitizen20  16.03.2025, 10:46
@PaulanerPete

Wir finden noch einen weit verbreiteten Moralismus gegenüber solchen Themen - und da müssen wir uns nicht darüber wundern, wenn dieser sich in den Vordergrund drängen mag.

Ich halte es wie Salvador Dalí, der gesagt haben sollte, wenn jemand mit Tomaten nach seinen Bildern wirft, hat die Person immerhin darauf reagiert.

Ja

Im Großen und Ganzen. Wobei man Punkt Drei quasi weglassen kann, da es sich hier um etwas völlig fiktives handelt.


barfussjim  15.03.2025, 13:52

Soso, Geschlechtsidentitäten sind "fiktiv". Lebst du auf dem Mars?

paradox1899  15.03.2025, 14:15
@barfussjim

Ja, sind sie. Sie sind nunmal ausgedacht. Nichts weiter, als eine gefühlte Realität.