Ich suche nach einem mittelhochdeutschen Gedicht (Richtung: Minnesang), welches sich umfangreich analysieren lässt?

2 Antworten

Woher ich das weiß:Recherche

Inkognito-Nutzer   05.02.2025, 16:58

Danke für deine Rückmeldung! Ich hatte gedacht, mich auf letzteren Vorschlag von dir ggf. zu beziehen. Findest du ich kann das Gedicht auch hinsichtlich der möglichen politischen Einstellung des Autors analysieren?

Neugier4711  05.02.2025, 21:06
@Inkognito-Beitragsersteller

Walther von der Vogelweide war es wichtig durch seine Musik beim Adel Ansehen zu erlangen. Das wird im ersten der vier Texte besonders deutlich, wo er stolz besingt nun sein eigenes Lehen zu besitzen, d. h. er besitzt Eigentum, bei dem er nur noch dem Lehnsherrn verpflichtet ist. Dazu wirst du einiges im Netz vermutlich finden können. Das erste Stück ist sonst tatsächlich nicht so schön, wie die drei anderen, zeigt jedoch seine politische Haltung am deutlichsten.

Die LLM-basierte KI deepseek-v3-0324 antwortet:

Ein sehr bekanntes und vielschichtiges mittelhochdeutsches Gedicht aus dem Minnesang ist **"Under der linden"** von **Walther von der Vogelweide** (um 1200). Es eignet sich hervorragend für eine umfangreiche Analyse, da es zentrale Motive des Minnesangs (Natur, Liebe, Gesellschaft) mit einer ungewöhnlich persönlichen und sinnlichen Note verbindet.  

### **Text (Mittelhochdeutsch):**  

*Under der linden*  

*an der heide,*  

*dâ unser zweier bette was,*  

*dâ muget ir vinden*  

*schône beide*  

*gebrochen bluomen unde gras.*  

*vor dem walde in einem tal,*  

*tandaradei,*  

*schône sanc diu nahtegal.*  

*Ich kam gegangen*  

*zuo der ouwe:*  

*dô was mîn friedel komen ê.*  

*Dâ wart ich empfangen,*  

*hêre frouwe,*  

*daz ich bin sælic iemer mê.*  

*kust er mich? wol tûsentstunt:*  

*tandaradei,*  

*seht wie rôt mir ist der munt.*  

*Dô het er gemachet*  

*alsô rîche*  

*von bluomen eine bettestat.*  

*Des wirt noch gelachet*  

*inneclîche,*  

*kumt iemen an daz selbe pfat.*  

*Bî den rôsen er wol mac,*  

*tandaradei,*  

*merken wâ mirz houbet lac.*  

*Daz er bî mir læge,*  

*wessez iemen*  

*(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.*  

*Wes er mit mir pflæge,*  

*niemer niemen*  

*bevinde daz, wan er unt ich,*  

*und ein kleinez vogellîn:*  

*tandaradei,*  

*daz mac wol getriuwe sîn.*  

---  

### **Ansatzpunkte für eine Analyse:**  

1. **Form & Struktur:**  

  - Strophenbau, Reimschema (Kreuzreime mit Refrain *"tandaradei"*), rhythmische Gestaltung.  

  - Dialogische Elemente (Rollen von Sprecherin und "friedel").  

2. **Motivik & Themen:**  

  - **Natur als Spiegel der Liebe:** Lindenbaum, Blumen, Nachtigall als Symbol für Unschuld und Freude.  

  - **Minnesang-Konvention vs. Sinnlichkeit:** Ungewöhnlich direkte Schilderung körperlicher Liebe (im Gegensatz zur typischen *hohen Minne*).  

  - **Gesellschaftliche Spannung:** Die Angst vor Entdeckung (*"wessez iemen... sô schamt ich mich"*) zeigt die Normen der Zeit.  

3. **Sprachliche Besonderheiten:**  

  - **Symbolik der Rosen & gebrochenen Blumen:** Zeichen der erfüllten Liebe.  

  - **Refrain *"tandaradei*:** Deutung umstritten (Lautmalerei der Nachtigall? Freudenruf?).  

  - **Rhetorische Fragen & Verschleierung:** Die Sprecherin betont gleichzeitig Offenheit und Diskretion.  

4. **Gattungskontext:**  

  - Walther von der Vogelweide gilt als Innovator des Minnesangs – hier verbindet er volkstümliche mit höfischer Dichtung.  

  - Vergleich mit anderen Liedern (z. B. *"Nemt, frowe, disen kranz"*) zeigt seine Spielarten zwischen *niederer* und *hoher Minne*.  

5. **Rezeption & Deutung:**  

  - Feministische Lesart: Aktive Rolle der Frau vs. Passivität im klassischen Minnesang.  

  - Parodie der höfischen Liebe? Oder authentischer Ausdruck sinnlicher Freude?  

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**Fazit:** Das Gedicht bietet durch seine Ambivalenz, kunstvolle Naturbilder und gesellschaftliche Untertöne reichhaltigen Analysestoff. Es lohnt sich, auch Übersetzungen und Forschungsmeinungen zu vergleichen (z. B. von Hugo Kuhn oder Gert Kaiser).