Wie ist eure Meinung zu Theodor Adornos Kritik an populärer Musik (z.B. Beatles, etc)?

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Nicht nur meiner Wenigkeit Meinung dazu:

Adorno war ein Verstandesmensch, ein scharfsinniger Soziologe, dessen Hobby die damals neue Dodekaphonie war. Er hielt sie für die einzig wertvolle Musik der Zukunft, aber sie ist zwar die Befreiung von den Fesseln der Tonalität, baut aber genau deshalb neue Fesseln von Kompositionsgesetzen auf.

Also ist für sein Denken durch den Grenzgang Wagners im Tristan-Akkord (ca. 70 Jahre früher) nur die irgendwie geordnete Atonalität moderne Musik. DAS kann aber keine europäische Pop-Musik - also möglichst viel verkaufbare Musik - sein, weil das Atonale schwierig zu hören bzw. zu empfinden ist (vgl. z.B. Albrecht Wellmer "Versuch über Musik und Sprache", C. Hanser Verlag 2009). So mochte er Strawinskys neue Kompositionen, las aber wohl nie dessen "Musikalische Poetik", sonst wüsste er, was Musik ist:

Eine Kommunikationsform, die wegen der menschlichen Musikhörgewohnheiten auf ganz bestimmten Hörreizen basiert, z.B. der Tonalität der "wohltemperierten Stimmung" (vgl. A. Werckmeister > vgl. J.S. Bach).

Leonard Bernsteins Harvard-Vorlesungen (Deutsch: L.B., Musik - Die offene Frage, Goldmann Schott Verlag 1976/1981) sollte noch heute jeder Musiker studieren, um all das besser zu verstehen. Bernstein versucht Chomskys Sprachstrukturmodell in die Musik zu übertragen, woraus klar wird, dass Musik eine Gefühlskunst und keine Verstandeskunst ist. Bernstein nennt Letzteres "Akademismus" und genau diesen verlangte Adorno von Musik, alles andere wäre Muzak.

Und Bernsteins eigenen Wandel (ca. über zwei Jahrzehnte hinweg) der Beurteilungen von Musikarten (z. B. Klass. Musik, Jazz, Kommerzmusik) kann man im Detail auf Seite 397 nachlesen. Das hilft auch zur Erklärung Adornos völlig vorurteilsbehafteter Musikkritik. Er hatte eben zu wenig Ahnung von "Musik und Mensch", auch wenn er darüber acht Bücher (Bände seiner gesammelten Werke) schrieb. Auch als Komponist erkannte er nicht, weshalb das Publikum seine Werke unattraktiv empfand, vielleicht hätte es die Partituren vorher studieren müssen... Schade.

Adorno war völlig verkopft, er kapierte nicht, dass Musik großteils emotionaler Ausdruck ist und sich auch nicht (nur) an den Verstand richtet

Er hat die Gedanken anderer, größerer Köpfe oberflächlich übernommen und als intellektuelles Gesülze mit pseudo-moralischen Ansprüchen, denen er selbst nicht gerecht werden konnte und die er deshalb umso verkrampfter erzwingen wollte, als vermeintliche Speerspitze einer neuen Gesellschaftskultur herausposaunt.

Ich gebe gern zu, dass mir dieser Mensch höchst unsympathisch ist, übel aufstößt und ich sehr befürworte, dass heute auch in weiten akademischen Kreisen kein Hahn mehr nach Adorno kräht. Meines Erachtens (Privatmeinung!) hat er damit die ihm vollkommen zustehende Rolle des zunehmend Vergessenen eingenommen. Den evtl. Vorwurf, dass meine Sicht auf ihn befangen ist, akzeptiere ich.

Das muss so 1967/68 gewesen sein. Adorno war ein Reaktionärer, der Angst vor den 68ern und vor dem Kulturschock hatte und diesen vorrangig auf die Beatles bezog - so ist zumindest meine Lesart. Hier findet sich was beim Deutschlandfunk dazu. Meine Meinung ist das nicht, Philosophie ist mir generell zu subjektiv, aber Adorno stand damals mit seiner Ansicht nicht allein da und war damals schon weit über 60 - er muss so um 1900 geboren worden sein, wenn ich mich recht erinnere - und die Beatles waren für ihn einfach nicht "begreifbar", weil es gegen alles ging, an das er glaubte.


HeimwerkerDaddy  16.03.2025, 12:29

Adornos Kritik an populärer Musik richtet sich vor allem gegen deren Standardisierung und die Funktion der Musik als Ware innerhalb der Kulturindustrie. Er argumentiert, dass populäre Musik schematisch aufgebaut ist und primär der Unterhaltung und dem Profit dient, was zu einer passiven Hörhaltung führt und kritisches Denken hemmt. Das ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dennoch halte ich seine Kritik in vielerlei Hinsicht für irrelevant und überzogen. Musik – insbesondere populäre Musik – muss nicht immer das Ziel haben, intellektuell zu fordern oder kritisches Denken zu fördern. Sie kann genauso gut als Quelle von Freude, emotionaler Verbindung oder einfacher Unterhaltung dienen. Adornos Fokus auf intellektuelle Tiefe vernachlässigt, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche haben, die Musik in verschiedenen Lebenslagen erfüllt. Popmusik kann genauso gut eine wichtige kreative Ausdrucksform sein, auch wenn sie nicht den Kriterien der ‚hohen Kunst‘ entspricht.

Die ist mir nicht bekannt, im Gegensatz zur Kritik meines Vaters, der dafür Worte benutzt hat, die heutzutage tabu sind.

Vermutlich spiegeln auch Adornos Thesen einen gewissen Kulturpessimismus wieder angesichts der "Verrohung" der populären Musik, wie sie viele seiner Zeitgenossen gesehen haben.

Mich würde Adornos Meinung viel eher zu Tiktok und Co. interessieren. Vermutlich würde er sich die verbliebenen Haupthaare ausgerauft haben, wenn er diesbezüglich mal in die Frankfurter Schulen schaut.😉


rotesand  16.03.2025, 12:11
im Gegensatz zur Kritik meines Vaters, der dafür Worte benutzt hat, die heutzutage tabu sind.

So was habe ich in der Familie auch erlebt, als ich begonnen habe, mich für englischsprachige Musik, Pop und die Charts zu interessieren.