Schlechtes Essverhalten durch Adultismus?
Ich habe gerade eine kleine Reflexionsarbeit im Studium über das Thema Adultismus. Dabei ist mir der Gedanke gekommen, dass mein plötzlich schlechtes Essverhalten im Kleinkindalter durch den „Machtmissbrauch“ der Erzieher/Erwachsenen Betreuer kommen könnte. Ich habe zuerst alles gegessen, war relativ unkompliziert, aber mit 3/4 Jahren hat sich das ganz plötzlich verändert und hält noch bis heute an (bin Mitte 20). Ich erinnere mich noch daran, dass wir früher im Kindergarten oft gezwungen bzw. überredet wurden, den Teller leer zu essen, unabhängig davon ob man Hunger hatte oder es einem geschmeckt hat. Ich habe die These aufgestellt, dass dieser Einfluss negativ auf mich als Kind gewirkt hat und ich mir dadurch abgewöhnt habe, viele Dinge zu essen - die mir eben nicht schmecken. Könnte das durch Adultismus kommen oder hat einer hier eine Idee woran es sonst liegen könnte? Meine Eltern sind der Sache nie nachgegangen.
6 Antworten
Schlechtes Essverhalten als Auswirkung von Adultismus? Prinzipiell ein klares Ja dazu von mir. Manchmal beginnt das schon beim Säugling.
Wie das im Einzelfall bei dir war, darüber kann ich nur spekulieren. Deine These finde ich aber durchaus begründet.
Sei gegrüßt, @leoniebauer6! 🙋🏼♂️
Kann schlechtes Essverhalten durch Adultismus entstehen? 👨🏼⚕️
Die Frage, ob Adultismus – also die strukturelle Bevormundung und Herabsetzung von Kindern durch Erwachsene – langfristig das Essverhalten beeinflussen kann, rührt an ein tief verwurzeltes Problem der Erziehung: Wer entscheidet über den Körper eines Kindes? Wer definiert, was „richtiges“ Essverhalten ist? Und welche langfristigen psychologischen Folgen hat es, wenn man als Kind gezwungen oder manipuliert wird, gegen das eigene Empfinden zu handeln?
Sie beschreiben eine Situation, die viele Menschen aus ihrer Kindheit kennen: das erzwungene oder überredete Essen. Der leere Teller als Dogma, der kindliche Appetit als etwas, das Erwachsenenmeinungen untergeordnet wird. Ihr Gedanke, dass dieses frühkindliche Erlebnis einen nachhaltigen Einfluss auf Ihr Essverhalten hatte, ist nicht nur plausibel, sondern deckt sich mit psychologischen und entwicklungsbiologischen Erkenntnissen.
Unter welchen Mechanismen könnte Adultismus das Essverhalten beeinflussen? 👨🏼⚕️
Macht und Kontrolle über den eigenen Körper
Essen ist eine der ursprünglichsten Formen der Selbstbestimmung. Babys entscheiden intuitiv, wann sie satt sind und wann sie Hunger haben. Durch Zwang oder übermäßige Kontrolle von Erwachsenen kann dieses natürliche Körpergefühl gestört werden. Wenn Sie als Kind gelernt haben, dass Ihr eigenes Sättigungsgefühl oder Ihre Geschmacksvorlieben keine Rolle spielen, könnte sich eine tief verwurzelte Abwehrhaltung entwickelt haben.
Psychologische Reaktanz und Autonomieverlust
Menschen – besonders Kinder – reagieren oft mit Widerstand, wenn ihre Autonomie eingeschränkt wird. Psychologische Reaktanz beschreibt genau dieses Phänomen: Je mehr Druck auf eine Entscheidung ausgeübt wird, desto stärker wird die innere Ablehnung. Wenn Sie im Kindergarten gezwungen oder überredet wurden, Dinge zu essen, die Sie nicht mochten oder nicht mehr essen wollten, könnte Ihr heutiges Essverhalten eine unbewusste Fortsetzung dieses Widerstands sein.
Negative Verknüpfung von Essen mit Emotionen
Kinder erleben Essen nicht isoliert, sondern als Teil eines sozialen Gefüges. Wird es mit Zwang oder Druck verbunden, kann eine emotionale Abneigung entstehen. Ihr plötzlicher Wandel im Essverhalten mit drei oder vier Jahren könnte darauf hindeuten, dass sich in diesem Alter eine Art Verknüpfung zwischen Essen und einem Gefühl der Ohnmacht oder des Unwohlseins ausgebildet hat.
Konditionierung und sensorische Überempfindlichkeit
Der Geschmackssinn entwickelt sich in den ersten Lebensjahren stark weiter. Negative Erfahrungen mit bestimmten Lebensmitteln oder Essenssituationen können zu anhaltender sensorischer Sensibilität führen. Wenn Sie also in der frühen Kindheit immer wieder ein bestimmtes Essen aufgezwungen wurde, könnte sich Ihr Gehirn eine Art „Alarmmechanismus“ angeeignet haben, der dazu führt, dass Sie diese Speisen (oder generell unbekanntes Essen) auch heute noch meiden.
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Könnte es noch andere Ursachen geben? 👨🏼⚕️
Ja, mögliche Ursachen:
Neophobie (Angst vor neuen Lebensmitteln)
Es ist bekannt, dass viele Kinder um das dritte oder vierte Lebensjahr eine Phase durchlaufen, in der sie plötzlich nur noch sehr selektiv essen. Diese sogenannte Neophobie hat evolutionäre Wurzeln: In der freien Natur schützt sie Kleinkinder davor, potenziell giftige oder unbekannte Lebensmittel zu sich zu nehmen.
Erfahrungen mit Übelkeit oder Unwohlsein
Kinder entwickeln oft Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel, wenn sie nach dem Essen einmal krank waren – selbst wenn die Ursache nicht direkt mit dem Essen zusammenhängt. Falls Sie als Kleinkind nach einer Mahlzeit Übelkeit oder Bauchschmerzen hatten, könnte Ihr Gehirn diese Erfahrung unbewusst mit bestimmten Lebensmitteln verknüpft haben.
Familiäre Esskultur und Vorbilder
Auch wenn Sie schreiben, dass Ihre Eltern dem Ganzen nie nachgegangen sind: Ihr Umgang mit Essen, ihre eigenen Vorlieben und ihre Reaktionen auf Ihr Verhalten könnten dennoch eine Rolle gespielt haben. War die Atmosphäre beim Essen entspannt? Gab es viele Regeln? Wurde über Geschmack diskutiert oder einfach entschieden?
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Ist Adultismus eine mögliche Ursache? 👨🏼⚕️
Ja, absolut. Ihr Essverhalten könnte eine Reaktion auf den frühkindlichen Machtmissbrauch sein, Sie du im Kindergarten erlebt haben. Essen ist zutiefst mit Autonomie, Emotionen und Sozialisation verbunden. Wenn diese Aspekte in der Kindheit durch Zwang oder Manipulation negativ beeinflusst wurden, können sich langfristige Muster etablieren.
Doch wie könnte ein Ausweg aussehen? Ein bewusster, reflektierter Umgang mit dem eigenen Essverhalten könnte helfen. Das bedeutet nicht, sich zum Gegenteil zu zwingen, sondern mit Neugier und ohne Druck zu erkunden, ob bestimmte Abneigungen wirklich noch notwendig sind – oder ob sie eher ein Echo der Vergangenheit sind.
Falls Sie diesbezüglich eine/mehrere Frage(n) haben, kommentieren Sie mein Kommentar.
Mit erquickendem Gruß! 👨🏼🎓
Als erwachsene Person ist das normal nur die Dinge zu essen die einem auch schmecken. Erwachsene können bei Kindern das Essverhalten allerdings stark beeinflussen
Geschmacksgenuss beim Essen ist Bildungssache! Kinder essen in der Regel das, was sie auch die Erwachsenen essen sehen. natürlich gibts dann Trotz- und Protestphasen. aber heikel sein beim Essen (oder eben nicht heikel sein) ist anerzogen.
Es ist völlig normal, Lebensmittel nicht zu essen, wenn sie nicht schmecken.
Meine Eltern haben mich als Kind und Jugendliche zum Frühstück gezwungen, mir war danach schlecht bis zum Mittag. Rat mal, was ich nicht mehr mache, seitdem ich für mich selbst verantwortlich bin?
Es gibt einige Gemüsesorten, die ich auch heute nicht mag, obwohl ich sie im Laufe des Lebens immer mal wieder probiert habe. Einige, die ich als Kind gar nicht mochte, esse ich heute sehr gerne. Es gab für uns Kinder auch mal Ausnahmen, aber meistens musst gegessen werden, was auf den Tisch kam.
Geschmäcker sind nun mal verschieden und der Geschmack verändert sich auch im Laufe des Lebens.
Früher galt wohl überall, der Teller wird leer gegessen.
Deine Abneigungen können durchaus aus dem Zwang aus der Kindheit kommen.