In meiner Jugend war die Sache so: es gab Kinder von armen Eltern und es gab Kinder von reichen Eltern.
Ich hatte arme Eltern, mein Vater war Schlosser. Allerdings hatten Karneval und Akkordeon in meiner Familie Tradition. Daher war mein erstes Instrument im Alter von 4 Jahren die Melodika, mit der ich eine musikalische Früherziehung bekam. Später lernte ich Akkordeon, weil das jeder bei uns in der Familie spielte und es ein Instrument gab. Den Unterricht dazu bekam ich im Verein. Im Alter von 12 fand ich natürlich die E-Gitarre cooler als den Schneewalzer auf dem Akkordeon. Meine Eltern hatten aber nicht das Geld für Gitarrenunterricht, geschweige denn für das Konservatorium. Also lernte ich Gitarre, indem ich Lieder vom Radio nachspielte. Schnell begann ich mit dem Akkordeon die Keyboardtracks mehr oder weniger nachzuspielen und auf einer alten Schublade trommelte ich. Gleichzeitig war ich auch ein Elektrotechnikbastler. Bei meinem Kassettenrekorder deckte ich den Löschkopf mit einem Stück Alufolie ab. Somit konnte ich nacheinander verschiedene Instrumente aufnehmen und zusammen abspielen. Als erstes trommelte ich den Rhythmus auf der alten Schublade, auf die ich eine Mikrofonkapsel aus einem kaputten Kassettenrekorder geklebt hatte. Dann spielte ich eine Keyboardbegleitung mit dem Akkordeon ein. Es gelang mir, mit einer elektrischen Luftpumpe das Akkordeon so zu betreiben, dass ich auch beidhändig Akkorde greifen konnte. Dann spielte ich mit der Gitarre dazu. So machte ich Lieder nach, die ich im Radio gehört hatte. Dabei bekam ich ein Gefühl für Phrasierung, den Aufbau von Songs und das Arrangement von 3 oder 4 verschiedenen Instrumenten.
Weil ich das nehmen mußte, was ich kostenlos bekam, habe ich natürlich im Musikunterricht in der Schule gut aufgepasst. Das war der langweiligste Unterricht, der bei der ganzen Klasse verhasst war. Noten auf Notenblätter schreiben, Tonleitern, Intervalle, Dreiklänge, Umkehrung von Akkorden, Variationsbildung von Melodien. Heraushören von verschiedenen Instrumenten aus klassischer Musik und natürlich Singen von Wanderliedern und dem typischen gruseligen Zeug, was man im Musikunterricht der Hauptschule lernt. Weil ich im Stimmbruch war, hatte ich immer eine 4 in Musik.
Aber zu Hause in meinem Zimmer begann ich zu experimentieren. Dreiklänge auf dem Akkordeon, wie man die Akkorde umkehren kann, oder die Akkorde transponieren kann. Also das Nachspielen auf dem Instrument war interessant, und wie man intuitiv das Ganze zu einer Songstruktur anneinanderreiht.
Auf der Gitarre machte ich dasselbe. Ich lernte auf dem ganzen Griffbrett die Dreiklänge zu greifen. Ich lernte die Tonleitern. Und erkannte nach und nach die Zusammenhänge. Beim Heraushören von Blues, Rock und Popmusik lernte ich, dass die meisten Gitarrensolos bestimmte Griffmuster hatten. Später lernte ich, dass das Pentatoniken genannt wird. Aber egal, ich konnte es spielen.
Später gründeten wir die erste Band. Weil ich in der Schule beim Notenlesen gut aufgepasst habe, war ich der einzige, der Noten lesen und schreiben konnte. Somit war es meine Aufgabe, die Songs aufzuschreiben. Ich konnte auch vom Radio Akkorde heraushören und die Akkorde aufschreiben und den anderen dann zeigen, wie man es auf der Gitarre oder auf dem E-Bass greift.
Unsere ersten Stücke mit der Band waren alle nachgespielt. Und das machen im Übrigen alle so. Wir haben Lieder von den Beatles, den Rolling Stones, Blueswater Revival Band und vielen anderen der damals bekannten Bands nachgespielt und sind auch im Jugendzentrum und in der Schule damit aufgetreten.
Unsere ersten eigenen Songs sind auf verschiedene Weisen entstanden.
- Wir haben intuitiv irgend ein bekanntes Lied abgewandelt, so wie es uns gerade eingefallen ist.
- Weil ich im Musikunterricht aufgepasst hatte, wußte ich wie man Akkorde transponiert, Melodien variiert, Umkehrmelodien bildet usw. Diese Methoden habe ich einfach stur auf bekannte Stücke angewendet. Dieter Bohlen macht es übrigens genauso. Er sagte selbst, dass er aus einer einzigen Melodie mit musiktheoretischen Methoden wie Umkehrmelodie, Variantionsbildung usw. mindestens 5 neue Songs erzeugen kann.
- Improvisation. Vorgegeben ist z.B. ein Blues-Schema. Dann improvisiert jedes Instrument der Reihe nach darüber. Dabei entstehen auch gute Melodien. Wir haben unsere Improvisationen aufgenommen und interessante Melodien, Basslinien usw. dann weiterverarbeitet.
- Freie Improvisation. Es ist überhaupt nichts vorgegeben. Man fängt mit willkürlichen Akkorden an und schaut, was dabei herauskommt.
- Wenn Du im Musikunterricht aufgepasst hast, kennst Du bestimmt Dinge wie 12-Ton-Musik oder moderne Kompositionsmethoden. Eine davon ist z.B. eine Art Zufallsgenerator. Du schneidest keisförmige Scheiben aus Karton aus, kletterst auf eine Leiter, lässt sie auf den Boden fallen und interpretierst das Ganze als Noten.
- Wenn Du Musik anderer Bands vor allem aus verschiedenen Ländern heraushörst und nachspielst wirst Du feststellen, dass die jeweilige Sprache bestimmte Melodien quasi vorgibt. Versuche mal mit englischen Silben Melodien zu bilden. Da kommt etwas anderes heraus, als wenn du deutsche Silben verwendest.
- Höre sehr viel Musik, vor allem alte Musik. Klassische Musik, irische und britische Volkslieder, indische Mantras, Gammelanorchester, Peking Opern, Popmusik aus der Zeit vor 2000, als die Menschen gezwungen waren Gehirn, Intuition und Können auf Instrumenten zu verwenden statt Computer, Sequenzer usw.
- Spiele in einer Band und auch immer wieder mit anderen Leuten zusammen.
- Begreife, dass es keinen "eigenen Stil" gibt. Schaue Dir an, was verschiedene Musiker über ihre gesamte Lebensspanne gemacht haben. Die meisten davon haben sich kontinuierlich weiterentwickelt. Am Anfang haben sie populäre Musik gemacht, später wuchs ihr künstlerischer Anspruch. Fast alle ändern ihren Stil immer wieder. Es gibt nur wenige, wie Eric Clapton z.B., die ihren Stil nie oder kaum verändert haben. Die werden dafür kritisiert. Von jemanden wie Eric Clapton hätte ich auch erwartet, dass dann, wo er mit der Musik so reich wurde, dass er nicht mehr arbeiten brauchte die Chance nutzt, um sich finanziell unabhängig musikalisch weiterzuentwickeln, anspruchsvoller wird oder den Stil wechselt. Aber das geschah nicht.
- Begreife, dass das Musikbussines heute anders als noch vor 10 Jahren läuft. Aber auch Michael Jackson hat die meisten seiner Songs nicht mehr selbst geschrieben. Sein Plattenverlag hatte ein komplettes Team an Fachleuten, die auf der ganzen Welt nach unbekannten und guten Songwritern recherchiert haben. Sie haben die besten der Songs aufgekauft, umgeschrieben und so lange variiert, bis sie zur Marke "Michael Jackson" gepasst haben.
- Was ist Plagiat und was nicht? Viele der Songs prominenter Musiker wurden irgendwo auf Bühnen von Hobbybands gehört. Hundertschaften an Musikredakteuren sind da unterwegs und wenn sie eine gute Idee finden, wird die sofort weiterverarbeitet. Und irgend eine Schülerband aus 14-jährigen wird sich kaum dagegen wehren können, wenn einer ihrer selbstgeschriebenen Songs von einem prominenten Künstler plagiiert und vermarktet wird.
- Ich habe meine selbstgeschriebenen Songs damals im Heimstudio auf Kassette aufgenommen, die Noten aufgeschrieben, in einen Umschlag gesteckt, diesen versiegelt und an mich selbst geschickt. Später habe ich meine Songs bei einem Notar hinterlegt. Und ein paar mal habe ich auf diese Weise prominente Musiker drangekriegt, die meine Songs plagiiert haben. Sie rechneten nicht damit, dass sich eine arme Socke wie ich auf diese Weise abgesichert hat. Anhand des vor Zeugen versiegelten Umschlags und dem Poststempel konnte ich beweisen, wann ich den Song geschrieben hatte.
- Und ich könnte hier noch viel mehr schreiben.
Kommen wir zu den Kindern von reichen Eltern. Die werden von ihren Eltern in eine höllisch teure musikalische Früherziehung gesteckt. Dann bekommen sie Musikunterricht im Konservatorium. Und wenn sie danach immer noch Musik machen, bezahlen die Eltern ihnen das noch teurere Studium an eine der Pop-Akademien. Da lernt man dann das alles pädagogisch für Idioten aufbereitete Material, das man im Grunde auch im Musikunterricht der Hauptschule lernt. Dann bekommen sie natürlich Drills auf ihren Instrumenten, und ihnen wird die sogenannte Pop-Formel eingebleut, sowie die gängigen Songwritingtechniken. Über diese Pop-Akademien wird ihnen für viel Geld, das ihre Eltern bezahlen, gleich der Weg in die Medienindustrie geebnet. Über die Connections und Verbindungen der Akademien werden sie gleich an den richtigen Stellen positioniert. Wegen diesen Pop-Akademien hört sich heute auch alles irgendwie gleich an.
Aber in einer globalisierten Welt, wo auch die Musik sich globalisiert immer mehr aneinander angleicht gibt es immer weniger Inspirationen.
Bei den Beatles hat es gereicht, dass sie eine Weile nach Indien gegangen sind, nachdem ihnen die Ideen ausgingen. Was heißt Ideen. Die Beatles haben im Grunde nur englische und irische Folkmusik variiert und aufbereitet, sowie einige Elemente afrikanischer Musik, wie eben den Gesangsstil und treibendere Rhythmen übernommen. Als das nicht mehr ging, haben sie sich von indischen Mantras inspirieren lassen.
Die kreativste Zeit meines Lebens war in den Jahren zwischen 12 und 25. In der Zeit habe ich Tagebücher geschrieben, eine Kartei mit Lyrics aufgebaut, Melodien aufgeschrieben, vieles auf Kassette aufgenommen, Notizen gemacht usw. Von diesem Schatz lebt mein Songwriting heute noch.
Techniken wie Storytelling usw. helfen Dir beim Schreiben von Lyrics. Im Übrigen ist das der Schwachpunkt der meisten Musik. Gute Texter sind Mangelware. Für das Schreiben von Lyrics gibts es auch systematische Methoden. Kommentiere Alltagsthemen, kommentiere Gefühle, kommentiere Schlagworte, blättere in einem Konversationslexikon und greife zufällig in eine Seite hinein und wähle ein zufälliges Wort. Bestimmte Schlüsselworte funktionieren immer, z.B. Herz, Schmerz.
Was auch immer funktioniert sind Narrative, die es in der Wirklichkeit garnicht gibt. In der westlichen Welt hängen die allermeisten Menschen der irrigen Illusion von romantischen Paarbeziehungen, die auf Liebe basieren nach. Daher wird auch die meiste Musik darüber geschrieben.
Lange Rede, kurzer Sinn: ohne Plagiate gibt es keine Musik und auch keinen eigenen Stil. Covere die Songs von anderen. Improvisiere, bilde Dein Gehör. Sowas wie ein eigener Stil entwickelt sich von selbst und wird sich über die Zeit hinweg verändern.
Heute darst Du natürlich KI nicht vergessen. Damit hast Du eine starke Konkurrenz. Ich habe es schon ausprobiert. KI generiert auf der Basis einer großer Menge von Trainingsdaten sehr eingängige Melodien, interessante Phrasierungen und einen guten Songaufbau. Über Daumen hoch/runter lernt eine KI sofort, was ankommt und was nicht. Einzig die Lyrics der KI sind etwas spooky, aber insgesamt recht brauchbar, man mus vielleicht etwas nacharbeiten.
Was auch eine Rolle spielt ist das Verhalten der Hörer. Wenn Du von der Musik leben willst, musst Du Musik machen, die anderen gefällt, aber nicht unbeding Dir selbst. Der Wurm muß dem Fisch schmecken, aber nicht Dir. Musik ist am Ende nichts anderes wie ein professionalisiertes und institutionalisiertes Betteln, bei dem es darauf ankommt bei anderen Emotionen auf eine Weise zu wecken, dass sie bereit sind, Dir Geld für Deine Musik zu geben.
Berücksichtige, dass der Bereich der Populärmusik bald von der KI übernommen wird, sowie von virtuellen Stars. Das hat schon vor 20 Jahren mit Vocaloid angefangen. Eine Mangafigur als virtueller Popstar mit der künstlichen Gesangsstimme der Software namens Vocaloid.
Songwriter der Zukunft werdeb kaum noch Songs schreiben, sondern gleich 20, 30 virtuelle Influencer / Stars mit KI generieren. Es werden auch keine Einzelpersonen mehr sein, sondern komplette Teams aus Programmierern, KI-Experten, Marketing- und Datenanalysten usw. Als Musiker wird Deine Aufgabe höchstens das Feintuning und die Abstimmung oder das Training von KI sein.
Aber vielleicht gelingt Dir das Gegenteil: Schaffe eine Community an Menschen, die alleine auf analoge Musik steht, die nur auf akkustischen Instrumenten und live gespielt wird. Das mache ich zur Zeit. Ich habe mich auf Mantras und Yoga spezialisiert. Meine Musik gibt es nur Live bei Yogaevents. Davon ist kaum was im Netz. Es ist eine fast rein analoge Community und diese Leute wollen auch nur handgemachte Musik.