I c h w i l l n i c h t t ö t e n . Wie verhalte ich mich richtig?
Die imaginäre Situation: Der Russe steht vor der Tür. Geh ich nun nach dem Prinzip vor "Liebe deinen Nächsten (bzw. deine Feinde) wie dich selbst", so lass ich mich vom Russ erschießen um die Gewaltspirale zu unterbrechen und dem christlichen Gebot zu genügen. Knall ich ihn dagegen zuerst ab bin ich ein Mörder, d.h. ein Fehlverhalten meinerseits. Wie verhalte ich mich richtig?
Lasse ich mich vom Feind töten heißt das, das Böse obsiegt in der Welt. Wäre das sinnvoll? Was tun?
12 Antworten
Wir leben ja noch in einer Welt, die von Missetat geprägt ist - noch nicht im friedlichen Himmel Gottes. Deswegen heißt es, nüchtern zu sein. Johannes der Täufer und der Apostel Paulus haben gut zu bzw. von Soldaten gesprochen:
Paulus lässt hier gläubige Soldaten grüßen: „Es grüßen euch alle Heiligen, besonders die aus dem Haus des Kaisers.“
Philipper 4:22 SCH2000 https://bible.com/bible/157/php.4.22.SCH2000
Und Johannes der Täufer antwortet Soldaten, die ihn fragten: „Es fragten ihn aber auch Kriegsleute und sprachen: Und was sollen wir tun? Und er sprach zu ihnen: Misshandelt niemand, erhebt keine falsche Anklage und seid zufrieden mit eurem Sold!“ Lukas 3:14 SCH2000 https://bible.com/bible/157/luk.3.14.SCH2000
Ich hatte mich bei meiner Einberufung als Wehrpflichtiger zu den Sanitätern gemeldet. Dort hast du nur eine Pistole, um deine Kranken zu schützen.
Mal abgesehen davon das es jeder andere als ein Russe auch sein kann der dein Leben bedroht würde ich sagen, das du dem 5. Gebot entsprechen würdest und du somit die Spirale der Gewalt für dich selbst unterbrechen würdest. Es wäre definitiv sinnvoll für dich selbst wenn du deinen Angreifer nicht töten würdest. Das könnte aber auch bedeuten das du ihn Kampfunfähig machen könntest.
Vor einer solchen Situation kann man nicht zu 100 % vorhersagen wie man als Christ dann reagieren wird. Als Mörder würde man meiner Meinung nach nur gelten wenn man ohne Grund ( also ohne das ein Selbstverteidigungsgrund vorliegt ) willentlich einen anderen Menschen tötet.
Ich denke nicht das uns Gott verbieten würde unser Leben zu verteidigen denn darum wurde uns ja auch einen Lebenswille geschenkt der dafür verantwortlich ist unser Leben zu erhalten. Jesus sagte zwar :
" Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden " Matthäus 16.25
Damit ist nach meiner Erkenntnis aber nicht gemeint das man sich widerstandslos töten lassen muss, sondern das man den weltlichen Dingen immer mehr entsagt, also solche Dinge die uns vom Leben aus dem Geist fernhalten wollen.
Dennoch ist es eine Frage der " geistlichen " Entwicklung/Ebene die man als Christ erreicht hat die ja ein scheiden aus dieser unvollkommenen Welt anstrebt.
" Wir sind aber getrost und begehren sehr, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn." 2. Korinther 5.8
🙄 Um dieses zu erreichen wäre es wohl am sinnvollsten sich nicht zu wehren aber wie gesagt ist es eine Frage der geistlichen Reife die ein Christ erreicht hat und die ihn so reagieren lässt wie Jesus selbst der sich nicht gewehrt hat obwohl er wusste das er sein Leben lassen musste. Er wusste wahrscheinlich aber auch das er wieder auferstehen würde.
Eine Kugel abzubekommen macht das Sterben jedenfalls wesentlich leichter als wenn man dabei einen langen Leidenskampf durchmachen muss. Also wenn mir einer eine geladene scharfe Schusswaffe an den Kopf hält um mich von diesem Leben ins Jenseits zu befördern würde ich mich als Christ definitiv nicht dagegen wehren. Würde mich jemand mit einem Messer oder einem Knüppel angreifen mit der Absicht mich zu töten könnte es aber anders aussehen. Wer will schon unnötig leiden wenn ein anderer Mensch bestimmt das man sterben soll ohne das man ihm einen Grund für seine Entscheidung gegeben hätte.
LG
Verteidigen ist, aus meiner Sicht, im Sinne von Jesus.
Das würde bedeuten, den Angreifer so zu verletzen, dass er nicht mehr zur Gefahr für die Familie und mich werden kann.
die Gewaltspirale zu unterbrechen
Würde ich nichts tun - mich somit töten lassen - dann würde die Gewaltspirale weitergehen.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Lässt du dich bereitwillig erschließen, liegt das eher nicht vor. Der Grundsatz spricht sich nicht gegen Notwehr ect. aus.
LGuGS ♡
Ich zitiere mal ein paar interessante Aussagen des bekannten reformierten Pfarrer Dr. Peter Vogelsanger, der zum Thema "Christentum und Selbstverteidigung/ Notwehr" interviewt wurde:
"In Römer 13, also im Römerbrief des Paulus, finden sich die ganzen Ausführungen über die Schwertgewalt des Staates. Da wird gesagt: Der Staat ist die Ordinatio Dei - die Ordnung Gottes -, die eingesetzt ist auf dieser Welt zur Eindämmung des jederzeit lauernden und Macht an sich reißenden Bösen: "Sie trägt das Schwert nicht umsonst," (die Obrigkeit) "... sondern zur Bestrafung der Bösen und zur Belohnung der Guten." Das heißt, es ist die primäre Aufgabe des Staates, dem Bösen in dieser Welt Widerstand zu leisten, und Paulus sagt in diesem Zusammenhang: Es ist Pflicht des Christen, den Staat in dieser Funktion zu unterstützen...
..."Du sollst nicht töten" im Alten Testament heißt ganz eindeutig: "Du sollst nicht MORDEN". Also nicht einfach ein absolutes Tötungsverbot, so daß man keine Fliege und kein Kaninchen töten dürfte. Es ist damit auch kein absolutes Tötungsverbot in Bezug auf das menschliche Leben gemeint. Das kennt nämlich das Alte Testament nicht. Das Alte Testament kennt ja auch die Todesstrafe, und so weiter, und damit ist sicher auch die Notwehr inbegriffen. Wenn aus diesem alttestamentlichen Gebot eine Verneinung der Notwehr abgeleitet würde, wäre das nicht textgernäß...
... "Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen", und dem Zitat wegen der Ohrfeige (Bergpredigt). Ich glaube aber, daß Jesus dort gar keinen Angriff auf das Leben im Auge hat. Er hat die Feindesliebe im Auge. Das heißt, meine Liebe soll so stark sein, daß sie auch den Feind einschließt und durch das Gute zu überwinden und zu gewinnen versucht, statt durch Gewalt. Damit ist aber nicht so sehr der Feind gemeint, der mein Leben bedroht, als einfach der Feind, der mich beleidigt. Das geht ja aus der Stelle mit der Ohrfeige hervor: Es ist der Beleidiger, dem ich nicht mit der selben Waffe heimzahlen soll.Es geht um den Beleidiger. Den soll ich entwaffnen durch die stärkere Kraft meiner Liebesfähigkeit. Daß die Vertreter der Gewaltlosigkeit sich auf diese Stelle in der Bergpredigt berufen, halte ich zwar nicht für einen Irrtum, aber für eine viel zu weitgehende Folgerung aus dem, was Jesus dort meint: den persönlichen Feind, der mir Schaden zufügen will und der mich haßt. Deshalb ist diese Aufforderung nicht übertragbar auf das Problem der Notwehr...
...Liebe heiß im eigentlichen Sinne des Neuen Testaments, unter Absehung von allen sentimentalen Mißverständnissen: Schutz und Bewahrung allen Lebens, soweit dies in meinem Verantwortungsbereich liegt. Man könnte als Christ vielleicht sagen: Ich will lieber leiden, will lieber den Angriff erdulden, als daß ich Gewalt ausübe, als daß ich den Gegner vernichte, Ich könnte die Bergpredigt so auffassen. Also: Ich dulde den Angriff und nehme halt unter Umständen das Martyrium oder den Tod auf mich und habe mir damit reine Hände bewahrt...
... Ich verteidige ja nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch das Leben meiner Nächsten. Man kann noch weitergehen und sagen: Indem ich mich wehre gegenüber dem eindeutig bösartigen Angreifer, tue ich zweierlei: Erstens verteidige ich mein eigenes Leben deshalb, weil dieses Leben ja nicht nur mir gehört, so daß ich es wegwerfen könnte, wenn ich angegriffen werde. Zum Beispiel als Pfarrer gehöre ich ja nicht nur mir selber, ich gehöre auch der Gemeinde, die mir zur Seelsorge anvertraut ist. Als Arzt gehöre ich meinen Patienten, als Lehrer meinen Schülern; ich bin nicht nur Individualperson, sondern ich bin immer irgendwie Mensch in der Gemeinschaft, und indem ich mein eigenes Leben verteidige, bewahre ich auch ein Leben vor der Vernichtung, das einen Schutz und einen Wert für andere darstellt...
...Das Zweite ist ein Gedanke, den Luther stark betont hat. Luther hat sich meines Wissens mit dem Problem der Notwehr mehrfach auseinandergesetzt. Und er hat gesagt, natürlich, in einer extremen Haltung kann man sich sagen: Ich will lieber Unrecht leiden und dabei untergehen, als anderen Gewalt zuzufügen. Aber das ist völlig falsch gedacht. Ich handle in dem Moment, da ich mich gegen den bösartigen Angreifer wehre, als Vertreter der Staatsgewalt, die ja in dem Moment nicht da ist, indem ich dem räuberischen Chaos entgegentrete. Es ist die Aufgabe der Staatsgewalt, das räuberische Chaos zu verhindern, sonst wird ja das ganze Leben zur Beute des Starken, und der Schwache geht dabei unter. Indem ich dem Anspruch des Gewalttätigen, des skrupellosen Kriminellen, entgegentrete, verteidige ich eine ganz bestimmte göttliche Ordnung dieses Lebens. Ich bin der Repräsentant dieser göttlichen Ordnung...
...Wenn ich nun die Konsequenz aus alledem ziehe, muß ich sagen: Jawohl, Notwehr ist dem Christen nicht nur erlaubt, auf Grund einer Lex naturae, sondern die Notwehr ist dem Christen sogar geboten, weil er bei Verzicht darauf die ganze Ordnung des menschlichen Zusammenlebens in Frage stellt..."