Hat jemand eine Interpretation für dieses Gedicht?
Matthäus von Collin: Der Zwerg (vertont in einem Lied von Franz Schubert). Was ist das für eine Beziehung zwischen der Königin und ihrem Zwerg - auf einem Schiff auf dem Meer....? Hochromantisch, aber interpretationsbedürftig - der Zwerg tötet sie, nachdem sie sagt, sie stürbe "wahrlich gerne". Und er sagt, sie hätte ihn für den König verlassen, deshalb jetzt seine Strafe. Also irgendwie möchte ich das gerne genauer wissen. Geht es vielleicht um eine gesellschaftlich absolut unmögliche Beziehung, die tragisch endet - oder ein aussichtsloses Begehren? Aber wie kämen sie denn dann zusammen allein auf ein Schiff? Wer kann mir mehr dazu sagen?
2 Antworten
Ein wunderbares Lied.
Meine Phantasie ist: Die junge Frau aus reichem und "edlem" Haus (sonst hätte sie keinen Zwerg als Diener) war mit diesem Mann sehr vertraut und es bestand eine innige Beziehung. Ob es eine Liebesbeziehung mit beiderseitig ausgesprochenen Gefühlen war - wer weiß? Dann wurde die Heirat mit dem König arrangiert. Das Mädchen fügte sich, weil es von ihr erwartet wurde oder weil es ihr schmeichelte. War es ihr klar, wie sehr sie den Zwerg damit verletzte? Hätte sie dann anders gehandelt? Kann man sich überhaupt vorstellen, dass ein solches Mädchen mit ihrem kleinwüchsigen Diener "durchgebrannt" wäre? Jedenfalls heiratete sie den König, der Zwerg blieb bei ihr - aber die tragische Liebe führte ihn dann irgendwann zu diesem Mord. Und sie wehrte sich nicht, weil sie sich schuldig fühlte.
Nur meine Phantasie.
Das mit dem Schiff ist sowieso interessant. Einerseits muss es seetauglich sein ("auf glatten Meereswogen"), andererseits ist kaum anzunehmen, dass es ein richtiges Seegelboot mit Besatzung ist. Die hätten wohl kaum tatenlos zugeguckt, wie jemand ihre Königin erwürgt.
Also muss die Königin allein mit dem Zwerg ein Boot genommen haben und aufs Meer hinausgerudert sein. Vielleicht wusste sie, was ihr bevorstand?
Das Schiff (eher ein Kahn oder Boot), das auf das offene Meer hinausfährt, in ein Symbol für das Verlassen der gesellschaftlichen Geborgenheit (eifache Fahrt!) in Richtung vollkommener Ungewissheit. Also die Königin besteigt mit ihrem Zwerg (Narr) allein (!) bei trüber Dämmerung freiwillig diesen Kahn. Beschrieben wird zunächst eine ruhige Fahrt, wenngleich in trauriger Stimmung. Ihr Dahinscheiden vorausahnend blickt sie zu den Sternen. Ist doch klar, dass es eine Vorgeschichte geben muss - aber welche? Auch klingt sein "Vorwurf", sie hätte ihn um des Königs willen "verlassen" absurd. Rätselhaft!
Habe gerade mal Interpretationen gegooglet - nichts gefunden! Macht es noch rätselhafter. Märchenhaft, könnte man es auch nennen. Ein Psychoanalytiker könnte es vielleicht so sehen: Die Königin verkörpert die Melancholie, mit unerfüllbar hohem ethischem Anspruch an sich selbst, in Verbindung mit Schuldgefühlen (wahrscheinlich im sexuellen Bereich). Diese, kombiniert mit einer selbthasserischen, aggressiven Vernichtungstendenz (verkörpert durch den Zwerg) führen zum selbst herbeigeführten Ende. Vielleicht.
Ehrlich gesagt wäre ich mit psychoanalytischen Deutungen vorsichtig. Die Psychoanalyse wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrunderts erfunden, und wir neigen dazu, diese Grundgedanken immer "mitzudenken". Aber dieses Gedicht ist Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, als man in solchen Kategorien nicht dachte.
Psyche hat mit Denken nicht unbedingt etwas zu tun und man kann psychoanalytische Grundsätze auch in die Vergangenheit gerichtet anwenden. Ähnlich, wie das Alter von Holz zu bestimmen, obwohl es diese Methoden damals noch nicht gab. Was meinst du?
Nein, das denke ich nicht. Wir reden hier von Kunst, und die Kunst ist Ausdruck ihrer Zeit. Nicht umsonst ist dieses Lied im frühen 19. Jahrhundert entstanden, als "Schauerromane" modern wurden und Mary Shelley "Frankenstein" schrieb. Wir können uns überlegen, wie es zu so einer Situation gekommen sein könnte, aber ich würde es nicht psychoanalysieren wollen.
Übrigens vielen Dank für das Sternchen!
der zwerg ist ein psychopath der die königin ermordet, da sie ihn aufgrund seiner größe verpöhnt und seine liebe nicht erwiedert.
Nicht erwidert oder nicht mehr erwidert...? Warum sollte sie mit ihm alleine auf einem Schiff auf das Meer hinausfahren? Das ist für mich das große Fragezeichen bei diesem Gedicht.
nicht erwidert. immerhin wurde ihr der zwerg vom sultan als persönlicher diener übersandt. als er an gebrochenem herzen erkrankte, entführte er die junge, hübsche coco... ehhh prinzessin und ermordete sie. was daran so romantishc sein soll versteh ich nicht, es ist doch eher ein grausen.
Ist das fundiert? Ist das die Story dahinter?
Aufgeführt? Ist das vielleicht ein Märchen? Der springende Punkt beim Lied ist, dass die Königin freiwillig mitgeht - sie sitzt "mit im Boot". Ein Zwerg hätte doch gar nicht die Möglichkeiten, so eine Entführung durchzuziehen.
Ja, das ist es - tief, tieftraurig! Deine Erklärung entspricht in etwa dem, was ich auch denke. Die Tatsache, dass sie allein auf einem Schiff sind (ich habe dieses immer mehr als Kahn verstanden) impliziert ein Verhältnis, das zwischen einer Königin und ihrem Zwerg gesellschaftlich extrem ausgeschlossen ist. Aber manchmal gibt es Extreme in der menschlichen Existenz. Das kann nur die Kunst beschreiben.