Welche (nicht menschenunwürdigen) Therapiemöglichkeiten gibt es für Menschen mit "hochfunktionalem" Autismus?
Moin.
Ich sträube mich dagegen, die Bezeichnung "hochfunktional" zu nutzen, da es so etwas wie hochfunktionalen Autismus in meinen Augen nicht gibt, aber es ist nun mal der Begriff, der vom Autismuszentrum gewählt wurde, in dem ich Frühling letzten Jahres diagnostiziert wurde.
Ich gehe einem Job nach, engagiere mich ehrenamtlich im Verein, bin prinzipiell gesellschaftlich integriert. Ich habe aber dennoch Einschränkungen, die mir auch in meinem Alltag immer wieder begegnen.
Ich fühle mich nach einer 40-Stunden-Woche K.O., und verbringe regelmäßig mein gesamtes Wochenende ausschließlich damit, mich von der Woche zu erholen. Stunden zu reduzieren ist als (auf dem Papier) Junior-IT-Consultant schwierig. Ich habe Möglichkeiten bei meinem Arbeitgeber angefragt, aber noch hat sich nichts Konkretes ergeben.
Ich bin Trainer und leite die Sportabteilung meines Heimatvereins, merke aber dennoch, dass mein Co-Trainer deutlich beliebter bei den Trainingsteilnehmern ist. Allgemein habe ich Schwierigkeiten damit, Menschen zu gefallen und Freunde zu finden. Das zieht sich so durch alle Bereiche meines Lebens.
Ich bin auch seit Jahren erfolglos auf der Suche nach einer Partnerin. Auch das ist schwierig, da aufgrund meines Autismus in einer Beziehung mit mir nun mal vieles anders läuft, als in einer Beziehung mit einer neurotypischen Person. Noch dazu weiß ich nicht, wie ich meine Mitmenschen von mir überzeuge, oder welche Eigenschaften mich zu einem attraktiven Partner machen könnten, oder wie ich diese hervorhebe.
Ich habe außerdem Schwierigkeiten mit meinen Exekutivfunktionen. Ich kriege mich schlichtweg nicht zu mehr motiviert, als zu dem, was ich zum Überleben benötige. Das kann aber auch durchaus auch mit dem andauernd leeren Akku aufgrund des Berufslebens zusammenhängen, das kann ich nicht ausschließen. Ich will Dinge erledigen, aber ich kriege mich nicht zu dessen Erledigung bewegt.
Mir geht es psychisch nicht gut. Es ist definitiv nicht so wild, wie zu Anfang der Pandemie, wo ich im Grunde für ein halbes Jahr lang das Bett kaum verlassen habe, weil ich depressiv war. Ich kann meinen Alltag zumindest überwiegend bewältigen. Aber es geht mir emotional nicht gut. Hier spielt zu einem sehr großen Teil auch der ausbleibende Erfolg bei der Partnersuche mit rein, da ich mich nach körperlicher Nähe, intimen Momenten und echter emotionaler Bindung sehne, aber all das nicht in Aussicht steht.
Ich überlege, wegen dieser Schwierigkeiten erneut eine Therapie anzufangen. Autismus selbst kann man nicht therapieren, so viel steht fest. Aber welche Therapiemöglichkeiten, die den Autismus nicht ausklammern, sondern mit berücksichtigen, gibt es?
Auch wenn meine letzte Therapeutin, die ich aufgrund von Depressionen besucht hatte, mich dazu ermutigt hat, die Autismusdiagnose anzustreben und mehrere Jahre Wartezeit hinzunehmen, habe ich mich nie wirklich von ihr verstanden gefühlt. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie all das, was ich berichte, versucht, aus einer neurotypischen Perspektive nachzuvollziehen, obwohl ich immer wieder darauf hingewiesen habe, dass es so für mich nicht funktioniert.
Es gibt Therapieformen wie ABA bzw. angewandte Verhaltensanalyse, die nachweislich autistische Verhaltensweisen reduzieren, aber diese Verhaltensweisen sind nicht reduziert, sondern eben unterdrückt. Noch dazu gibt es massenweise Horror-Berichte verschiedenster Autisten, und eben auch eine Studie mit 460 Befragten, die zu dem Entschluss kam, diese Therapieform berge das Risiko, Symptomatik wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung auszulösen. Noch dazu klingt dieses Verfahren für mich völlig entmenschlichend. Ich bin kein Hund, der mit Leckerli und Stromhalsband trainiert werden muss. So etwas kommt für mich nicht in Frage.
Ich bin außerdem nicht der Mensch für Selbsthilfegruppen oder Gruppentherapien. Ich will meine Schwierigkeiten nicht mit wildfremden Menschen teilen. Ich will sie im Detail nicht mal mit meinen Freunden teilen. Diese Dinge gehen andere nichts an.
Was bleibt denn noch? Gibt es überhaupt Hilfe für Betroffene?
Viele Grüße