Kann es in einer Kurzgeschichte zwei Wendepunkte geben?

3 Antworten

Die Kurzgeschichte ist eine literarische Form. Sie heißt so, weil sie möglichst kurz und dicht gestaltet ist, deshalb hat sie eben ihre besonderen Eigenheiten. Zum Beispiel

wenige Seiten Text, wenige Figuren, durchwegs Präsens und nur ein Handlungsort, handlungsarmer Plot, eine stringente Handlung, mehr Parataxe, mehr hektischer Rhythmus, nur eine knappe und überraschende Wende (Pointe) ALS Ende und "Wink mit dem Holzhammer", damit wirklich jeder die Aussage/n der Geschichte sofort begreift.

Wenn Autoren dies nicht wissen - wollen und/oder nicht so gezielt schreiben können, schreiben sie eben keine Kurzgeschichten, auch wenn sie es ignorant so bezeichnen, sondern kurze Geschichten wie Novellen und Kurzromane.

Meiner Meinung - Ex-UNI-Germanist u.a.m. - nach sollen genau das die Schüler grundlegend lernen, - auch damit sie über die Sinnhaftigkeit von Erweiterungen dieser Form, wenn sie sie richtig identifiziert haben -, diskutieren können.

Daher würde ich persönlich keine erweiterte Kurzgeschichte zur Darstellung dieser Form verwenden, schon gar nicht als Lehrprobe.

Viel Erfolg!


JensR77  23.01.2025, 19:39

Eine Kurzgeschichte darf nur im Präsens geschrieben sein?!? Seit wann denn das?

Skoph  24.01.2025, 06:25
@JensR77

"Dürfen" ist ja immer ähnlich "in der Regel", denn die geniale Originalität geht ja vor.

Die Kurzgeschichte soll möglichst schnell und intensiv zur Identifikation des Lesers mit der Hauptfigur/den wenigen Hauptfiguren führen, als ob der Leser selbst dabei sei, deshalb ist für die Nähe zur Handlung und den Gedanken - Monologe und Dialoge sind ja möglich - die Gegenwartsform (Präsens) am besten. Viele Kurzgeschichten sind im Imperfekt oder Perfekt (wie die typische Umgangssprache) geschrieben, das bedingt eben die Zielgruppe der Käufer des Textes.

Es soll ja nichts erzählt werden (vgl. Roman), sondern vom Leser miterlebt werden. Die gegenwärtigen Figuren des Textes können etwas Vergangenes erzählen. Die Kurzgeschichte kann als historische Vorform des Drehbuches, insbesondere noch aus der Perspektive der Ich-Form (bzw. Blickwinkel der Figur im Off), betrachtet werden.

Allerdings wollen deutsche Leser laut einiger Umfragen lieber Texte in der (fast voyeuristischen) Er-Perspektive miterleben. Sie verkaufen sich eindeutig besser.

elmja  24.01.2025, 08:26
@Skoph

Aber wer legt denn diese vermeintlichen Regeln fest? Ist es nicht eher Azftrag der Germanistik, vorhandene Kurzgeschichten zu analysieren anstatt kommenden Regeln aufzulegen? Gerade in zeitgenössischen Kurzgeschichtensammlungen wird mit solchen Regeln oft gebrochen. – Aber ich verstehe natürlich Deinen Punkt, dass man Schüler*innen erstmal Grundlagen beibringen muss.

Eine Kurzgeschichte kann mehr als einen Wendepunkt haben. Nicht alle Literatur folgt(e zu jeder Zeit) den selben Formregeln.

Die Frage ist glaube ich eher, ob Du Deinen Schüler*innen bereits ausreichend beigebracht hast, in einer simpleren Kurzgeschichte den einen Wendepunkt zu finden.

Laut dieser Seite : ja. Ich weiß nicht, wie zuverlässig sie ist.

Der Text (*) lässt sich in drei Sinnabschnitte gliedern, die durch zwei Wendepunkte in der Handlung entstehen. 

(*) "Auf dem Balkon" von Alfred Polgar.

UNTERRICHT: Interpretation: Auf dem Balkon - Bob Blume