Ich bereue meinen Bachelor-Abschluss und weiß jetzt nicht, was ich tun soll?
Diesen Sommer mache ich meinen Abschluss in Politikwissenschaft. Bei der Wahl meines Studiengangs war ich verwirrt. Ich musste mich zwischen Psychologie (einem Studiengang, der mir sehr gefiel und mich interessierte) und Politik (der anderen Option, die mich irgendwie interessierte) entscheiden. Ich habe mich nicht für Psychologie entschieden, weil ich damals eine völlig depressive Teenagerin war, die immer wieder getriggert wurde, wenn sie über psychische Erkrankungen las. Jetzt bin ich reifer und erwachsener und habe erkannt, dass ich vielleicht einen Fehler gemacht habe. Ich gebe Leuten Ratschläge und Unterstützung, und sie sagen mir: „Du hättest Psychologin werden sollen.“ Es tut mir so weh, wenn ich das höre. Ich weiß, ich wäre wahrscheinlich eine großartige Psychologin geworden, aber jetzt ist es zu spät.
Nach meinem Abschluss werde ich einen Vollzeitjob annehmen. Von 9 bis 17 Uhr. Selbst wenn ich Psychologie studieren möchte, ist es mir unmöglich, an den Kursen teilzunehmen. In meinem Land (ich lebe nicht in Deutschland) gibt es keine Online-Kurse oder ähnliches, das mir Flexibilität bietet.
Ich muss bald meinen Masterstudiengang wählen, und der ganze Prozess fühlt sich so isolierend an, weil ich weiß, dass ich nicht das studieren kann, was ich wirklich will … Ich weiß nicht, was ich tun soll, und fühle mich so verloren. Meine Familie reagiert auch nicht gerade furchtbar auf meinen plötzlichen Karrierewechsel. Sie wollen, dass ich einem traditionellen Zeitplan folge. Ich hasse mich gerade selbst und bin deswegen sehr deprimiert.
3 Antworten
Ich gebe Leuten Ratschläge und Unterstützung, und sie sagen mir: „Du hättest Psychologin werden sollen.“
Das ist so ein typischer Spruch, den Leute von sich geben, die keine Ahnung haben, was Psychotherapie ist. In einer Psychotherapie bekommt man keine Ratschläge und in Psychotherapie begibt man sich nicht, weil man einen Ratschlag braucht, dafür gibt es Freunde, gutefrage.de und Beratungsstellen. Insofern, nimm das Kompliment lächelnd an, aber damit, ob du eine gute Psychotherapeutin geworden wärst oder nicht, hat das nichts zu tun.
Nach meinem Abschluss werde ich einen Vollzeitjob annehmen. Von 9 bis 17 Uhr.
Bei einer Disziplin wie Politikwissenschaften würde ich das sogar noch als das optimistische Szenario bezeichnen.
Aber wie dem auch sei, was an festen Arbeitszeiten mit regelmäßigen 7 Stunden Schlaf in der Nacht und Planungssicherheit, an die zum Beispiel auch Kinderbetreuung angepasst ist (im Falle späterer Familienplanung) ist schlimm? Möchtest du lieber von 4 bis 12 arbeiten? Oder von 16 Uhr bis Mitternacht? Oder den einen Tag von 15 bis 20 Uhr und den nächsten Tag von 6 bis 12? Oder jeden Tag nur drei Stunden, wobei du erst 3 bis 4 Tage vorher erfährst, welche drei Stunden zwischen 8 und 18 Uhr das sind, also null Planungssicherheit, und das ganze bei einem Lohn, mit dem du gerade mal deine Lebenshaltungskosten decken kannst? Keine Sorge, ich bin nicht so doof, wie ich gerade frage, mir ist natürlich vollkommen klar, dass die Leute, die über 9-5 meckern immer einen Job von 11 bis 15 Uhr wollen, bei dem sie so viel verdienen, dass es für ein Eigenheim und jedes Jahr zwei Wochen Malediven reicht, aber derartige Jobs sind halt auch echt rar (und Psychotherapeut gehört nicht dazu).
Ich muss bald meinen Masterstudiengang wählen, und der ganze Prozess fühlt sich so isolierend an, weil ich weiß, dass ich nicht das studieren kann, was ich wirklich will
Doch kannst du. Einfach statt für Master Politikwissenschaften in Bachelor Psychologie einschreiben. Dann wirst du, wenn du dann in die Berufstätigkeit gehen wirst, auch nur 3 Jahre älter sein als deine Kommilitonen, und drei Jahre Altersunterschied ist im Berufsleben gar nichts. Ob du 33 oder 36 bist, wenn du deine psychotherapeutische Praxis eröffnest, ist vollkommen egal und interessiert keinen. Es wäre sogar egal, wenn du 40 wärst.
Ich hasse mich gerade selbst und bin deswegen sehr deprimiert.
Naja du bist wahrscheinlich psychisch noch genauso labil wie vor dem Studium. Angstgetrieben, in den Entscheidungen abhängig vom Gutheißen anderer Menschen und unter starkem, selbstgemachten Druck. Und deshalb denke ich, dass ein 9-5 Job exakt das richtige für dich ist.
Du musst doch keinen Master machen, der dich nicht interessiert. Du könntest doch auch teilzeit arbeiten und deine Wunschstudium beginnen.
Was spricht denn dagegen, Psychologie zu studieren? Wahrscheinlich ist es eine rein finanzielle Frage, aber ansonsten müsste das doch möglich sein.
Wenn Du Therapeutin werden willst, solltest Du direkt Klinische Psychologie / Psychotherapie studieren (nach dem neuen System also).
Aber warum eine Vollzeitstelle? Warum keine Teilzeitstelle?
Ja, Du bräuchtest irgendjemanden, der dir finanziell unter die Arme greift.
Aber auch mit einem Teilzeitjob müsste es irgendwie gehen. 1200 netto reicht z.B. zum Studieren (oder sogar weniger). Wie hast Du Dich denn finanziert, als Du im Bachelor warst?
Wie gesagt, nach meinem Abschluss werde ich eine Vollzeitstelle antreten und keine Zeit haben, an Vorlesungen teilzunehmen. Flexibilität bietet mir meine Universität nicht.